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Die Palme mit dem Stein und das neue Jahr...

Zu Beginn ein schönes afrikanisches Märchen:

«Ein junger Palmbaum befand sich in bestem Wuchs. Die Oase gab ihm, was er zum Leben brauchte: Wasser, Nahrung und das Licht der Sonne. So freute sich der junge Palmbaum auf jeden neuen Tag, auf das neue Jahr. Doch eines Tages geschah etwas, womit er nicht gerechnet hatte. Jemand nahm einen schweren Stein und legte der jungen Palme mitten in die Krone. Mit einem schadenfrohen Lachen ging er weiter. Die Palme versuchte, die Last abzuwerfen. Sie schüttelte und bog sich. Vergebens. Sie krallte sich tiefer in den Boden, bis ihre Wurzeln verborgene Wasseradern erreichten. Diese Kraft aus der Tiefe und die Sonnenglut aus der Höhe machten sie zu einer königlichen Palme, die auch den Stein hochstemmen konnte. Nach Jahren kam der Mann wieder und wollte in seiner Schadenfreude sehen, wie wohl verkrüppelt die Palme gewachsen sei, sollte es sie überhaupt noch geben. Aber er fand keinen verkrüppelten Baum. Die grösste und kräftigste Palme der Oase beugte sich mit ihrer Krone zu ihm hinunter, zeigte ihm den Stein und sagte: Ich muss dir danken. Deine Last hat mich stark gemacht.»
Gewiss: Keiner von uns wünscht sich Belastungen und Kreuze. Dennoch gibt es sie in vielfältiger Weise in unserem Leben. Vielleicht ist gerade zu Beginn eines neuen Jahres die Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie wir sinnvoll mit Belastungen umgehen können.

Dazu einige Stichworte:
- die Lasten anderer mittragen kann auch positiv auf mich zurückwirken
- Prioritäten setzen
- eigene Grenzen annehmen
- neue Perspektiven im Leben suchen und finden
- sich durch Leid nicht niederdrücken, sondern verwandeln lassen
- mit Hindernissen leben und nicht aufgeben

Der Palmbaum in der Erzählung sagt uns: Unsere Kraft bekommen wir von unten, durch die Wurzeln, durch Kräfte aus der Tiefe. Dies sind z.B: Lebensfreude, Selbstwertgefühl, Geduld mit mir selbst, Vertrauen auf Gott und andere Menschen, Glaube an ein sinnvolles Leben. Was kann ich tun, um solche Kräfte in mir zu entdecken oder weiterzuentwickeln? Vom Stein auf unserer Krone, von unseren Problemen werden wir herausgefordert. Welche Belastungen befürchte ich für 2023? Wie will ich damit umgehen? Ich brauche tiefe und feste Wurzeln, die mir für das wahre Leben Kraft geben, damit ich nicht verzage.

So oder so: Es wird 2023 nicht alles eintreffen und gelingen, was ich mir wünsche. Einiges wird wohl gleich dem Stein in der Palmkrone als Last auf meinem Rücken liegen. Ich wünsche Ihnen und mir für das neue Jahr einen stark verwurzelten Glauben und die Zuversicht: Gott lässt uns in allem nicht allein. Und der belastende Stein, den wir oft nicht abschütteln können - der in jedem Leben anders aussieht - kann uns auch reifer und stärker machen. Andere Menschen und Gott mit seinen guten Mächten werden dabei an unserer Seite sein.

Guido Ducret, Pfarreiseelsorger