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Fürchtet euch nicht

Wenn wir frühere Generationen von Schweizern betrachten, dann bekommen wir unweigerlich den Eindruck, dass diese Menschen sehr robust und hart im Nehmen waren. So brauchte es z.B. im 19. Jahrhundert grossen Mut nach Amerika auszuwandern um dort ohne soziale Absicherung ein neues Leben zu beginnen. Und die Gründerväter der Eidgenossenschaft entschieden vor über 700 Jahren, dass die Freiheit ein so grosses Gut ist, dass sie bereit waren dafür ihr Leben hinzugeben.

Im Gegensatz dazu haben die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 20 Jahre dazu geführt, dass einige Beobachter sagen, wir leben in einem Zeitalter der Feiglinge. Viele Menschen haben Angst vor der Zukunft und tun sehr viel für Sicherheit, Komfort und ein unbeschwertes Leben und scheuen davor zurück Risiken einzugehen und ihre Freiheit zu verteidigen. Der Psychologe Frank Furedi schreibt in seinem Buch “Wie Angst funktioniert”, dass junge Menschen so erzogen werden, dass sie sich zerbrechlich und überwältigt fühlen angesichts von Unsicherheit. Das prägende Merkmal des Menschseins im 21. Jahrhundert sei deshalb die Verletzlichkeit. Wenn das so ist, dann wird es zum Normalzustand vor allem möglichen Angst zu haben. Das wiederum ist der Nährboden für seelische Krankheiten und dafür, dass der Staat seine “schwachen” und “kranken” Bürger zunehmend bevormundet.

Der römische Geschichtsschreiber Tacitus schreibt im 15. Buch seiner Annalen: “Der Wunsch nach Sicherheit steht jedem grossen und noblen Vorhaben im Weg.”Und Alexander Hamilton, einer der Gründerväter der USA, schreibt in seinen ‘Federalist Papers’ von der Gefahr, dass Menschen, “die sicherer sein wollen, langfristig das Risiko eingehen weniger frei zu sein.”

Auch der Glaube an Gott hat mit Risiko zu tun. Wir feiern in diesen Tagen das Fest der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel. Dieses Fest zeigt uns die Früchte des Risikos, das Maria im Vertrauen auf das Wort Gottes eingegangen ist. Sie darf als erster Mensch die vollständige Erlösung des ganzen Menschen mit Körper und Seele erleben.

Als der Engel Maria begegnete, sagte er: “ Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden” (Lk 1,30). Maria hat sich mutig und vertrauensvoll auf den Anruf Gottes eingelassen. Neben der unsagbaren Freude die Mutter Gottes zu werden, beinhaltete ihr JA aber auch unsägliche Schmerzen, wie der alte Simeon ihr prophezeite, als er erfüllt vom Geist Gottes sprach: “deine Seele wird ein Schwert durchdringen” (Lk 2,35).
Wie Abraham und Moses ist Maria ein Urbild des Menschen, der im Vertrauen auf die helfende Gegenwart Gottes Risiken eingeht. Im Vertrauen auf das Wort Gottes gab Abraham alle Sicherheiten auf und machte sich auf in eine unbekannte Zukunft. Im Vertrauen auf die helfende Gegenwart Gottes, dessen Name ‘Jahwe’ (= Ich-bin-da) ist, befreite Moses sein Volk von der Unterdrückung einer Regierung, die sich selbst zu Gott machte. Und der mutige und schmerzhafte Weg Marias brachte der Menschheit den göttlichen Erlöser. Dieser Erlöser, der für uns den grausamen Tod am Kreuz erlitt, gab uns als Auferstandener diese Worte auf unseren Lebensweg mit: “Fürchtet euch nicht!... ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt” (Mt 28,10.20).

Waldemar Cupa, Diakon