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Das wandernde Gottesvolk

Unter Pilgern verstehen wir meistens das Besuchen von religiösen Stätten mit besonderer Bedeutung. Pilgern hat aber eine noch tiefere Bedeutung. Es ist das bewusste Nachdenken über meinen Lebensweg zu Gott und der Austausch darüber mit anderen Pilgern.

Als allein reisender Pilger im August 2021 suchte ich den Kontakt zu anderen Mitchristen auf der Wanderschaft. So begegnete ich der Frau, die 6 Monate zuvor von ihrem Mann vor die Türe gestellt wurde und ihr Kind abgetrieben hat. Sie sucht bei Gott Vergebung und liebt ihren Mann immer noch. Sie hofft und betet dafür, dass er eines Tages Christ wird.

Am nächsten Tag spreche ich mit dem Geschäftsmann, der seit 25 Jahren jedes Jahr nach Ars kommt um aufzutanken. Jetzt überlegt er, ob er seine zwei Geschäfte verkaufen soll. Im Gebet sucht er Orientierung und Hilfe von Gott. Er möchte seinem Leben eine andere Richtung geben.

Beim nächsten Essen spreche ich mit einer 50-jährigen Frau, die Fibromyalgie hat, eine schmerzhafte Muskelerkrankung. Vor einem Jahr konnte sie nicht mehr gehen. Jetzt ist sie sehr dankbar, dass sie wieder gehen kann. Im Glauben findet sie Kraft und schreibt kleine Büchlein, die anderen Menschen den Weg zum Glauben öffnen sollen.

Auch die Begegnung mit Kardinal Kurt Koch, der am Montagmorgen inkognito in der Kirche des Pfarrers von Ars an der Messfeier teilnimmt, freut mich und stärkt meinen Glauben. Nach einem kurzen Gruss gehen wir weiter auf unserem persönlichen Pilgerweg.

Am Dienstag komme ich bei den Kleinen Brüdern und Schwestern in Plavilla, Südfrankreich, an. Sie verbringen täglich viele Stunden im gemeinsamen Gebet, dem Lobpreis Gottes und der eucharistischen Anbetung. Jeweils beim Essen erzählen Gäste von ihren Erlebnissen oder ihrem Lebensstil. Am Mittwoch zwei junge Familien, die in der Welt bewusst als Christen leben wollen. Auch Pfadfinder sind dort, die eine Woche lang gratis arbeiten. Beide haben bereits an der Fusswallfahrt von Paris nach Chartres teilgenommen. Aus Platzmangel kann ich nicht mehr erzählen, aber eines hat sich wieder bestätigt: Die vielen Begegnungen mit tiefgläubigen Menschen, die alle auf ihre Art auf dem Pilgerweg des Lebens sind, ist wie ein frisches Tauchbad in den Quellen des Glaubens oder wie eine Kur mit reinem Sauerstoff, der uns wieder frei atmen lässt.

Am fünften Tag trete ich die Heimreise an und hoffe, dass wir uns in den Pfarreien ebenfalls gegenseitig mehr unterstützen können auf der Reise zu unserer himmlischen Heimat.

Waldemar Cupa, Diakon