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Dies werde ich niemals vergeben! - Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist. (zum Evangelium vom 20.2.2022)

Haufen von mageren, nackten und zerschundenen Leichen; zerlumpte, schmale Gestalten, deren Geschlecht man kaum erraten kann und Kinder mit leeren, grossen Augen… Wir kennen diese Fotos und Filmsequenzen in Grautönen aus der Zeit des Naziregimes in Deutschland, aus den Konzentrationslagern des Holocaust.
Grauen und Entsetzen über solches Geschehen, über die Möglichkeit solcher menschlichen Vergehen packen einen und man findet keine Gedanken und Worte, diese Taten an Menschen zu erklären.

Keine Ahnung was Jesus dazu sagen würde als vielleicht nur zu verstummen und in Tränen auszubrechen? – Die 93jährige Überlebende im Fernsehen wiederholt den Satz immer wieder: Dies werde ich niemals vergeben! – Selbst als Theologin masse ich mir nicht an, darauf etwas Heilvolles von Gott und der Versöhnung Jesus Christi zu schreiben. Dennoch spüre ich ein Schaudern, das von diesen Worten und der Härte jenes Gesichtes ausgeht, der greisen Frau, die als Kind so Schreckliches miterleben musste. Und es bewegt mich sorgfältig über die theologischen Zusammenhänge nachzudenken.

Diese leidgeprüfte Frau hat es sich fest vorgenommen, niemals zu vergeben, doch sie bekommt nichts dafür. Wie eine Beute hat sie die Schuldigen am Haken und kann sie dennoch nicht eintauschen. Eher leidet sie bis zur letzten Minute ihres Lebens am schrecklichen Unrecht, als dass sie dem göttlichen Richter übergeben würde, was Schlimmes ihr Leben überschattet hat.
Jeder Mensch bleibt anderen etwas schuldig und tief in unserem Wesen haben wir Anteile, die menschlicher und fehlerhafter nicht sein könnten: betrügerisch, egoistisch, verräterisch, ängstlich, narzisstisch, schwach und selbstmitleidig. Alles ist in uns angelegt und drängt uns immer wieder Stellung zu beziehen.

Wir sind nicht Gott und können nicht urteilen wie er. Vielmehr sind wir Menschen und müssen unser Menschsein annehmen von Gott, wie er uns erschaffen hat. Wenn wir nicht diesem Gott vertrauend unser Menschsein zu leben wagen, finden wir keine Freiheit und machen uns selbst schuldig, denn uns selbst vergeben könnten wir nicht und würden nur die Erde verleugnen.
Ein Wechsel in der Dynamik von Schuld und Leid fängt damit an, dass ich mir eingestehe, selbst schuldhaft zu sein und andere von meinem Haken lasse. Wenn ich mich menschlich ernst nehmen kann, bin ich bereit ein echter Partner Gottes zu sein.

Unrecht und Verbrechen darf sich nicht wiederholen und muss gefahndet werden, aber jeder Mensch tut gut daran, sein Leid und seine Wunden Gott hinzuhalten und sich zu befreien von Härte und Unnachgiebigkeit. – Es braucht ein grosses Herz, Gott als Vater zu erfahren und zu spüren!

Esther Holzer